Mustererkennung

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Wenn wir Sehen auf seine optische Funktion reduzieren - das Empfangen von visuellen Reizen - bleibt es relativ bedeutungslos.

Wir müssen alle Informationen, die wir über unsere Augen - oder Ohren oder andere Sinne - aufnehmen, auch interpretieren - sogar über das tatsächlich empfangene Signal hinaus.

Wenn wir mehrere Punkte - wie etwa die Flecken auf dem Fell eines Leoparden - gruppiert in Bewegung sehen, schließen wir daraus, dass diese Punkte zusammengehören. Vor unserem "inneren Auge" entsteht sozusagen das Bild "Leopard". Dazu reicht es aus, einen Teil des Leoparden gesehen zu haben - den Rest der Information ergänzt unsere Vorstellungskraft. Dieser Vorgang ist verbunden mit unserer Aufmerksamkeit.

Was seht ihr? Versucht es eine Minute lang allein. (Wenn ihr die Frage auf Anhieb beantworten könnt, versucht dieses Spiel mit einem Freund oder einer Freundin, die das Bild noch nicht kennen).

Nehmt euch, wenn möglich, die Zeit, das Bild nach jedem Hinweis noch einmal anzusehen.

Könnt ihr einen Hund erkennen? (Ich richte die Aufmerksamkeit auf einen spezifischen Gegenstand. Gleichzeitig erhält das Gehirn Informationen, wonach es suchen soll – ein automatischer Abgleich mit der Vorstellung von Hund entsteht. Ihr sucht jetzt ein mittelgroßes Säugetier mit vier Beinen. In eurem Gehirn ist bereits ein Bild von „Hund“ entstanden, das ihr mit der Illustration vergleichen könnt – es wird es in einen Kontext eingeordnet, der bei der Suche hilft.)

Bleibt weiterhin bei dem oberen Bild.

  • Es handelt sich um einen Dalmatiner (schwarz mit weißen Flecken, eine Erklärung der Problemstellung).
  • Er ist von schräg hinten zu sehen (falls die Vorstellung von „Hund“ einen sitzenden oder frontal abgebildeten Hund zeigte kann das „Suchbild“ korrigiert werden).
  • Seine Schnauze ist am Boden (die Form wird weiter verdeutlicht, dieser Hinweis erlaubt es, die Proportionen in Beziehung zueinander zu setzen.
  • Am auffallendsten ist sein schwarzes linkes Ohr (ein erster klarer Anhaltspunkt, wonach man suchen soll).
  • Es befindet sich etwas links vom Mittelpunkt des Bildes. (ein räumlicher Hinweis zur Lokalisation. Ihr habt ihn spätestens jetzt fast gefunden.)
  • Hier ist er: (unteres Bild – Verdeutlichung, der Ausschnitt oder Focus blendet störende Nebeninformationen aus)


Wahrscheinlich könnt ihr nun auch im oberen Bild problemlos einen Hund erkennen. Es wird euch allerdings jetzt fast unmöglich sein, den Hund nicht zu erkennen. Mehr noch: auch in einem Monat oder einem halben Jahr werden die Augen automatisch die Form des Hundes suchen, ohne sich dabei einer Anstrengung oder Leistung bewusst zu sein. Wir haben gelernt! Gleichzeitig verlieren wir unser Interesse, das Bild weiter zu betrachten.


Der Neurowissenschaftler Ramachandran schreibt dazu:

" Was ist visuelle Vorstlelung? (...) Eine besondere Manifestation dieses Prozesses ist die bemerkenswerte Fähigkeit des Gehirns, unerklärliche Lücken im visuellen Bild zu überbrücken - ein Prozess, der gelegentlich etwas umgangssprachlich als "Ausfüllen " (filling in) bezeichnet wird. So wird beispeilsweise ein Kaninchen hinter einem Lattenzaun nicht als eine Folge von Kaninchenschnitten gesehen, sondern als ein Kaninchen, das hinter den senkrechten Latten des Zaunes steht. Offenbar füllt ihr Gehirn die "Kaninchenlücken" aus. Soagr ein flüchtiger Blick den den Schwanz ihrer Katze, der unter dem Sofa hervorragt, ruft das Bild der ganzen Katze hervor. Mit Sicherheit fühlen Sie sich nicht vom Anblick eines körperlosen Schwanzes in Angst und Schrecken versetzt oder fragen sich wie Lewis Carrolls Alice, wo der Rest des Katze ist."

Aus: Die Blinde Frau, die sehen kann, Kapitel 5

Dieses "Ausfüllen" von Informationen ist nicht auf den Bereich des Sehens beschränkt, er findet sich auch in anderen Bereichen und Sinneswahrnehmungen - unter anderem der Körperwahrnehmung.

Verallgemeinerung

Dieser Effekt hat möglicherweise negative Auswirkungen auf unser Sehvermögen. Aufmerksamkeit spielt eine entscheidende Rolle nicht nur beim Erlernen des Sehens, sondern auch beim Erhalten unserer Sehkraft. Mit zunehmendem Alter - und, hier, mit zunehmender Seherfahrung - neigen wir dazu, Dinge zu vereinfachen und Informationen auszulassen. Wie viele Schuhe, die gerade im Begriff sind, zugebunden zu werden, habe ich als Erwachsener gesehen? Wie viele Zahnpastatuben? Es macht wenig Sinn, ständig die selben Informationen zu verarbeiten, Wir sehen nicht mehr "Blatt" sondern "Baum", nicht mehr Fassade mit einzelnen Rissen, Stuckaturen oder Hausnummern, sondern "Haus". Während unsere Augen von klaren Kanten, Konturen und Kontrasten angezogen werden, neigen andere Areale unseres Gehirns dazu, Energie zu sparen und zu automatisieren. Für die meisten von uns reicht die Information "Haus" im täglichen Leben vollkommen aus, ohne auf die Einzelheiten zu achten - ohne die einzelnen Informationen verarbeiten zu müssen.

Aufmerksamkeit und Sehen

Auch das spielt eine große Rolle beim Nachlassen der Sehkraft "im Alter" - und es ist einer der Gründe, warum ich vorsichtig bin bei der Frage nach "Feldenkrais und besser sehen" oder "Augentraining". Eine Verbesserung der Funktion kann nicht auf Muskelkraft oder Koordination reduziert werden - auch das Auswerten der theoretisch zur Verfügung stehenden Information muss eventuell neu erlernt werden.

Hier also doch ein Tip, Augen zu trainieren: sobald wir der Versuchung widerstehen, zu vereinfachen und uns aufs "große Ganze" zu fokussieren statt auf Einzelheiten, geben wir unseren Augen wieder mehr Gelegenheit, "Sehen" zu üben.

Eine der hilfreichsten Eigenschaften dabei ist echte Neugier.