Sinn und Aufmerksamkeit

Sehen findet nicht nur in den Augen statt

Durch seine Geburt wird jedes Neugeborene in eine Welt gestürzt, die ihm vollkommen unbekannt und chaotisch erscheinen muss. Nichts von dem, was für uns selbstverständlich ist, ist dem Baby vertraut. Seine erste und wichtigste Anpassung ist das Atmen, (dieser und andere lebenswichtige Vorgänge werden von Reflexen unterstützt). Durch den plötzlichen Übergang von einem Leben in Fruchtwasser und Enge verliert es bereits erworbene Fähigkeiten – es muss seine Körperteile gegen die ihm unbekannte Schwerkraft heben. Haut, die nie etwas anderes berührt hat als die Wände der Plazenta, die Nabelschnur, Fruchtwasser und sich selbst, wird in schneller Abfolge von Luft, Händen, Haut, Gummihandschuhen, Metall, Stoffen berührt. Es gibt deutliche Unterschiede zwischen oben und unten. Das Baby wird bewegt, gedreht, gemessen, abgesaugt. Unbekannt Informationen treffen seine Augen. Geräusche strömen auf es ein, Gerüche, von denen es nicht einmal ahnte, dass es sie gibt. Und eine völlig neue Erfahrung: das orange, das es bereits im Mutterleib sah, ist verschwunden. Zum ersten Mal sehen seine Augen die Welt.

Sinn im Chaos

Das Kind wird wird lernen müssen, in dieses Chaos Sinn zu bringen. Um verständlicher zu machen, vor welch ungeheurer Aufgabe ein Kind steht, kann man sich vor Augen halten, was es zu bewältigen hat. In jeder Sekunde unseres Lebens empfangen wir unzählige Reize, weit mehr, als wir verarbeiten können. Wir sind einem ständigen Dauerfeuer von Informationen ausgeliefert. Nach den derzeitigen Schätzungen senden allein die Augen pro Sekunde mindestens 10 Millionen Bits (oder Informationseinheiten) an unser Gehirn, bestehend aus Helligkeitsunterschieden, Farben, Formen, Richtungen – es handelt sich um die Informationen unserer einzelnen Sehnerven. (Sie sind damit mit großem Abstand unser wichtigstes Organ zur Verarbeitung von Außenreizen) Eine weitere Million Bits erreicht uns aus den verschiedenen Sinneszellen der Haut. Jeweils 100 000 Bits empfangen wir über unsere Ohren und den Geruchssinn. Eine vorsichtige Schätzung geht von mehr als 11 Millionen Bits aus, die Sekunde für Sekunde von unserem Gehirn verarbeitet werden könnten – von einem gesunden erwachsenen Gehirn.

Nur ein Bruchteil dieser Informationen erreicht unser kognitives Bewusstsein. Wir alle erleben also nur einen winzigen Ausschnitt der Informationen, die unser Gehirn tatsächlich verarbeitet.

Unser Nervensystem ist darauf angewiesen, diese ständig auf es einströmenden Reize zu filtern. Als „Filter“ dient dabei unsere angeborene Fähigkeit, aufmerksam zu sein.